Hauptsache billig

Dieser Beitrag wurde vor am Mittwoch, 1. Dezember 2010 um 10:44 Uhr veröffentlicht und unter Jackomo - Der Kritiker gespeichert.

Gemessen am Einkommen geben die Deutschen so wenig für Lebensmittel aus wie nie zuvor. Waren es um 1900 noch 57 % des Einkommens, verwendet der heutige Durchschnittsbürger lediglich etwas 15 % auf Lebensmittel und alkoholfreie Getränke. Diese Entwicklung hat vorrangig zwei Gründe: zum einen sind die Realeinkommen drastisch gestiegen, zum anderen sind die Kosten einer industrialisierten Lebensmittelproduktion extrem gesunken. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.

Durch jahrzehntelangen Preiskrieg der Produzenten und der Einzelhandelsketten hat sich eine regelrechte „Geiz ist geil“-Mentaltät beim Lebensmitteleinkauf etabliert. In jeder Kleinstadt gibt es mittlerweile mindestens einen Supermarkt und zwei Discounter. Die Verkaufsfläche hat sich verdreifacht, während die Nachfrage gleich geblieben ist. Das Ergebnis: Preisschlacht. Der Lebensmitteleinkauf wird zur Schnäppchenjagd. Mit wöchentlichen Flyern, die über die neusten Super-Sonderangebote informieren, wird die umworbene Kundschaft in die Läden gelockt. Gekauft wird, was billig ist, nicht was schmeckt oder gesund ist. In der Marketingbranche ist schon lange bekannt, dass beim Kauf von rabattierter Ware im menschlichen Gehirn das Belohnungssystem aktiviert wird. Das funktioniert natürlich auch bei Lebensmitteln.

Kaum aber jemand stellt sich die Frage, wie diese Preise eigentlich möglich sind. Vor allem bei Molkereiprodukten, Fleisch und Fertiggerichten. Könnte es vielleicht sein, dass die Qualität unter den niedrigen Preisen leidet? Selbstverständlich! So etwas ist nur möglich, weil die Milch von einer mit Wachstumshormonen bearbeiteten Hochleistungskuh stammt, die Eier von Turbohühnern, denen haufenweise Antibiotika verabreicht werden und das Fleisch von Tieren, die mit Gensoja gefüttert werden, für dessen Anbau enorme Flächen des Regenwaldes gerodet werden. Häufig werden dem Futter noch künstliche Aromen zugesetzt, damit die Tiere noch mehr fressen und noch schneller das Schlachtgewicht erreichen. Und bei den Fertiggerichten ist das auf den Verpackungen oft so appetitlich dargestellte, frische Gemüse eher ein Spurenelement als eine Zutat. Billigsten Grundstoffen wie z. B. Maisstärke, Palmöl und Salz wird mit Aromen und Geschmacksverstärkern ein wenig Genießbarkeit abgerungen.

Was im Supermarkt beginnt, setzt sich in der Systemgastronomie fort. Döner, Burger und Pizza als Sonderangebot. Zwei zum Preis von einem und schnell geht es auch noch. Der Besuch in einem richtigen Restaurant, wo Köche aus frischen Zutaten ein Menü mit mehreren Gängen zubereiten, erscheint vielen dagegen als Geld- und Zeitverschwendung.

Dabei kann man nicht sagen, dass es in Deutschland generell an Qualitätsbewusstsein fehlt. Das machen z. B. die Zahlen der Kosmetikbranche deutlich. Die vom VKE-Kosmetikverband repräsentierten Unternehmen der mittel- und höherpreisigen Kosmetik erreichten im Krisenjahr 2009 einen Branchenumsatz von 1,693 Mrd. Euro. Das entspricht einem Minus von lediglich 1,5 % gegenüber dem Vorjahr.

Die Qualität der Ernährung spielt für viele Leute offenbar eine untergeordnete Rolle. Die Freude ist groß, wenn man beim Discounter stets die besten Schnäppchen ergattert, um sich dann von dem eingesparten Geld in der Apotheke die neuste Anti-Aging-Creme für 40 Euro kaufen zu können. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass das riesige Angebot an äußert billigen Lebensmitteln zu einer Geringschätzung führt. Etwas, das wenig kostet, ist nicht viel Wert.

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8 Kommentare zu „Hauptsache billig“

  1. DDanielHochland sagt:

    Leider ist es so. Die “bessere” Gastronomie leidet unter dieser Entwicklung. Da ändern auch die vielen Fernsehköche nichts dran.

  2. Dennis Lindemann sagt:

    Was die Lebensmittel angeht stimme ich voll zu. Bei dem Thema Restaurant sehe ich das Ganze etwas anders. Die Hauptkundschaft der Fastfoodketten sind Jugendliche zwischen 14 und 25. Ein solches Restaurant ist groß es ist hell und modern eingerichtet. Die jugendlichen fühlen sich wohl weil sie unter Ihresgleichen sitzen und auf den Flachbildfernsehern an den Wänden die Charts hoch und runter laufen. Vergleicht man dies mit einem Haus der gehobenen Küche sind die meisten schon irritiert wenn sie ihr Menü in mehreren Gängen zur Auswahl steht. Bei dem teil der Bevölkerung der älter ist als 25 ist der Grund ein anderer. Viele fragen sich warum soll ich mehr Geld ausgeben wenn ich woanders für weniger Geld auch satt werde. Der Genuss des Menüs an sich bleibt hierbei aber leider vollkommen auf der Strecke.

  3. Laura O. sagt:

    Wie versnobt ist das denn? Ist vielleicht schon mal jemandem in den Sinn gekommen, dass es auch Leute gibt, die wenig geld haben. Die müssen ihre Lebensmittel beim Discounter kaufen. Und im Restaurant zu essen können viele sich schon gar nicht leisten.

  4. Dennis Lindemann sagt:

    Hi Laura,

    es ist klar das der Großteil nicht im Feinkostladen einkauft. Aber auch beim Discounter gibt es Unterschiede. Schau dir hierzu doch ein mal den Artikel zur TK-Pizza an. Und was das Essen im Restaurant angeht glaube ich sollte man differenzieren ob das Geld fehlt, oder ob es einem das Geld nicht Wert ist.

  5. DDanielHochland sagt:

    Bestimmt gibt es einige Leute, die sich wirklich keine bessere Qualität leisten können. Aber der Großteil will einfach billige Lebensmittel.

  6. Jackomo Jackomo sagt:

    Zu Beginn habe ich erwähnt, dass die Deutschen im Durchschnitt nur noch 15% ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben. Dass dieser Wert je nach Einkommen variiert, liegt in der Natur der Sache. Die meisten Menschen wären aber durchaus in der Lage, sich qualitativ hochwertigere Lebensmittel zu leisten.

  7. Dennis Lindemann sagt:

    Stellt sich nur die Frage wie erkennt man ein qualitativ hochwertiges Produkt? Am Preis? An diversen Siegeln? Man müsste schon Lebensmittelspezialist sein um im Tschungel der Supermärkte durch diese Vielzahl von Produkten durchzusteigen.

  8. Jackomo Jackomo sagt:

    Seltsamerweise halten viele Menschen den Aufwand für unangemessen groß, sich genauer über Nahrungsmittel zu informieren.
    Dabei ist so ziemlich jeder Mensch auf irgendeinem Gebiet ein Spezialist: der Computerfreak weiß alles über PCs, der Hobby-Schrauber kennt sich hervorragend mit Autos aus und meine Oma könnte Bücher über Handarbeiten schreiben. Aber wenn es um das Wichtigste geht, nämlich um die Ernährung und damit um die Gesundheit, lassen sich die meisten Leute fremdbestimmen und vertrauen darauf, dass schon alles gut gehen wird.

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