Das Schauspiel beginnt kurz nach dem Start
Es ist ein Phänomen, welches sich lange Zeit niemand erklären konnte und hinter dem schon gar niemand ein Gesundheitsphänomen vermutet hätte. Dieses Phänomen spielt sich tagtäglich auf der Welt hunderttausend-, wenn nicht gar millionenfach in 10.000 Metern Höhe über den Wolken ab. Und jeder von uns hat es schon mal beobachtet oder war selbst Teil dieses Phänomens.
An Bord von Verkehrsflugzeugen läuft folgendes Schauspiel immer gleich ab: ca. 15 bis 20 Minuten nach dem Take Off macht es über die Bordanlage „bing“. Das untrügliche Zeichen für die Bordcrew, dass sie sich jetzt von ihren Sitzen erheben und mit dem Service beginnen kann. Früher erloschen noch die Anschnallzeichen bei diesem Signal. In Folge starker Turbulenzen mussten einige Airlines jedoch Entschädigungen, in nicht unbeträchtlicher Höhe an verletzte Passagiere zahlen. Somit bleiben die Anschnallzeichen mittlerweile an. Dazu erfolgt die Empfehlung vom freundlichen Flugpersonal, den ganzen Flug angeschnallt sitzen zu bleiben. Keine einfache Sache bei einem 14-Stunden Flug von Los Angeles nach Sydney, aber das ist eine andere Geschichte.
Die Stewardessen jedenfalls tauchen bald in den Gängen mit ihren Trolleys auf und beginnen mit dem Getränkeservice. Das Sortiment, zumindest in der Economy, ist bei 99% der Airlines das gleiche. O-Saft, A-Saft, Wasser, Cola, eventuell noch Fanta, Bitter Lemon, Bier und Wein – das war’s. Moment, das entscheidende Getränk ist noch nicht erwähnt worden. Man findet es in kaum einem Haushaltskühlschrank, noch kann man behaupten, es hätte in irgendeiner Art und Weise ‚Weltkarriere‘ gemacht, wie es bei Cola oder Bier der Fall ist. Und trotzdem, so scheint es, gibt es weltweit so etwas wie DEN Airliner-Drink: TOMATENSAFT!
Wer trinkt schon Tomatensaft?
Niemand trinkt eigentlich wirklich Tomatensaft. Zumindest wenn man mal im Freundeskreis fragt, oder wenn man stiller Beobachter in Bars und Bistros ist, muss man zu dem Ergebnis kommen, dass es sich bei Tomatensaft um ein absolutes Nischengetränk handelt. Gut, vielleicht geht noch die eine oder andere Bloody Mary über die Bartheke, das war’s dann aber schon. Auch im Supermarkt steht er meist ganz unten, unscheinbar im Regal. Nicht so aber hoch oben über den Wolken, da ist Tomatensaft auf einmal der Renner.
Zurück an Bord unseres Flugzeuges. Beim Getränkeservice fängt meist sehr schnell jemand an, einen Tomatensaft zu bestellen und dann geht das ganze wie ein Lauffeuer um. Wenn man mal ehrlich ist und überlegt, wann und wo man zuletzt einen Tomatensaft getrunken hat, wird man zu 99% auf eine Reise im Flugzeug kommen. Auch alle Airlines weltweit können dieses Phänomen bestätigen. Ein Ausdruck ihrer Verbrauchsstatistik der meist konsumierten Getränke an Bord, listet den Tomatensaft meist immer und den ersten drei Plätzen auf. Aber warum nur? Auch die Airlines selbst haben schon oft eine Erklärung gesucht, doch nie wirklich gefunden. Mal hieß es, es sei der Nachahmeffekt. Einer fängt an, der nächste denkt sich, ach warum nicht mal Tomatensaft. Dann wieder dachte man, in der dünnen Kabinenluft seien die Geschmacksknospen eher auf etwas Herzhaftes aus. Oder man erklärte es sich damit, dass viele Passagiere eine Flugreise immer noch als etwas Außergewöhnliches empfinden und daher unbewusst zu einem nicht alltäglichen Getränk greifen. Wie auch immer, versuchte Erklärungen gab es genug, aber keine lag auch nur annähernd richtig, wie man heute weiß.
Auf der Spur des Phänomens
Man muss erst einmal auf die Idee kommen, dieses Phänomen überhaupt wissenschaftlich zu untersuchen. Wobei das mit der Studie nur eine Erkenntnis ist, welche ohnehin schon erforscht und bestätigt war und hiermit untermauert werden sollte. Die Farbe Rot spielt eine Rolle, die äußeren Bedingungen hoch oben in der Stratosphäre sowie die angeborene menschliche Intuition, das richtige zur richtigen Zeit zu sich zu nehmen. Aber eines nach dem anderen.
Schon seit langem ist bekannt, dass so genannte sekundäre Pflanzenstoffe, welche besonders in farbigem Obst und vor allem in Gemüse vorkommen, die menschlichen Zellen vor dem Oxidationsprozess schützen können. Manche Forscher glauben sogar, dass sich durch vermehrte Zuführung von sekundären Pflanzenstoffen über die Nahrung das Risiko an Krebs zu erkranken, deutlich reduzieren lasse. Es gibt hunderte von sekundären Pflanzenstoffen und man geht davon aus, dass es hunderte weitere gibt, die noch gar nicht entdeckt worden sind.
Einer dieser Sekundärstoffe ist das Lycopin. Lycopin gehört zu der Klasse der Carotinoide und gilt als besonders starkes Antioxidant. In neuesten Studien hat es sich mitunter als stark antikarzogen erwiesen. Es kann, so heißt es, einen präventiven Effekt auf Krebserkrankungen haben. Auch vor Strahlung, wie z.B. UV-Strahlung oder Röntgenstrahlung kann es durch eine Art absorbierenden Effekt schützen, indem die Strahlung neutralisiert wird. Letzteres bringt uns bereits einen Schritt näher zur Aufklärung des Phänomens.
In dem Bereich, in dem sich Verkehrsflugzeuge in Reisehöhe bewegen (Stratosphäre), herrscht gegenüber Meereshöhe eine deutlich höhere Raumstrahlung. Wären wir dieser Strahlung in der gleichen Intensität Tag ein Tag aus 24h ausgesetzt, wäre es in etwa so, als würden wir pro Jahr Dutzende von Röntgenaufnahmen machen. Dass so eine erhöhte Strahlung unsere Zellen schädigen und im schlimmsten Fall zu Krebs führen kann, weiß inzwischen jeder. Ein Grund übrigens, warum Flugpersonal vorsorglich pro Jahr nur eine begrenzte Anzahl von Flugstunden haben darf (es sind aber weitaus mehr, als auch der fleißigste Vielflieger zusammenbringt).
Der Wunderstoff Lycopin
Und jetzt nähern wir uns langsam der Lösung des Phänomens. Wenn man weiß, dass der sekundäre Pflanzenstoff Lycopin besonders konzentriert in Tomaten vorkommt, führt nun eine ganz heiße Spur zum Tomatensaft. Das bedeutet zwar, dass die Menschen in den Flugzeugen dieser Welt genau das richtige machen, erklärt aber noch lange nicht, warum sie es machen.
In der Steinzeit gab es weder Labore, noch sonst irgendwelche Einrichtungen, bei denen der Mensch sich Informationen holen konnte, was gut für ihn ist und was nicht. Er erlangte daher im Laufe der Evolution eine natürliche Intuition und Wahrnehmung, was der Körper gerade braucht. In der Regel war es sein Geschmackssinn und seine Vorlieben für bestimmte Nahrungsmittel, der ihn auf die richtige Spur führte.
In Vorzeiten leckten wir Salzsteine ab
Hatte der Steinzeitmensch mal wieder Lust, die salzig schmeckenden Steine abzulecken, welche er in der Höhle gefunden hatte, so brauchte sein Körper wahrscheinlich Elektrolyte. Verlangte sein Körper vermehrt nach Bitterstoffen, wie sie in der Baumrinde vorkommen, sollte die Leber von Giftstoffen befreit werden. So hat er intuitiv immer das Richtige getan, ohne es bewusst zu wissen.
Diese Fähigkeit zur Intuition ist uns aber im Laufe der Jahrtausende durch ein Überangebot an Nahrung abhanden gekommen. Zuweilen zwingt uns aber unser Körper noch dazu, beziehungsweise er meldet sehr deutlich, was er will. So z.B., wenn wir in Unterzucker geraten und der Körper nicht nach salzigem verlangt, sondern nach süßem (schell verfügbare Kohlenhydrate) oder nach einer durchzechten Nacht nicht nach Zuckerwatte schreit, sondern nach Rollmops (um den Salzhaushalt schnellstmöglich wieder auszugleichen).
Sitzen wir nun im Flugzeug in 10.000m Höhe, dann spürt der Körper, dass irgendetwas nicht so ganz stimmt und unangenehm auf ihn einprasselt (verstärkte Raumstrahlung) und dass er sich dagegen schützen will. Der Körper weiß automatisch, dass dunkles Obst oder Gemüse jetzt ideal wären. Also gibt er diese Informationen an das Gehirn weiter. Kommt es jetzt zum Impuls der Nahrungsaufnahme und gibt das Auge dem Gehirn mehrere Auswahlmöglichkeiten (Cola, Wasser, Fanta) als Information weiter, fängt es bei dem Blick auf den Tomatensaft an, wie wild an den „Will-Ich-Unbedingt-Alarmglocken“ zu läuten. Das ist genau just der Augenblick, wo wir uns sagen hören: „Ich hätte gerne auch einen Tomatensaft.“ Im selben Moment wundern wir uns noch und denken, dass wir sonst nie Tomatensaft trinken. Doch siehe da, jetzt schmeckt er uns richtig gut und erfüllt nebenbei seine Schutzfunktion. Von all dem „Gehirnspektakel“ bekommen wir jedoch nichts mit. Es spielt sich im Unterbewusstsein ab.
Die Erforschung des Tomatensaftphänomens
Forscher wollen bekanntlich immer alles ganz genau wissen. Und darum haben sie, um die These mit dem Tomatensaft zu beweisen, folgendes Experiment durchgeführt: es wurden mehrere Gruppen mit unterschiedlichen Personen gebildet: Alter, Herkunft, Gesundheitslevel, etc. waren in jeder Gruppe gleich oft vertreten. Jede Gruppe wurde in einen Simulator gesteckt. Der Simulator glich einer Flugkabine bis aufs Detail. Der Clou: neben dem Druckausgleich konnte in diesem Simulator auch die Raumstrahlung erzeugt werden, wie sie in der Stratosphäre vorkommt.
Jetzt setzte man die Gruppen abwechselnd für einen gewissen Zeitraum in die Kabine, fuhr mit einem Getränkewagen herum und bat den Probanden genau jene Getränkeauswahl an, wie sie in Flugzeugen üblich ist. Und jetzt wird es spannend. Jedes Mal, wenn man bei den Simulationen die Probanden der Raumstrahlung aussetzte, war der Tomatensaftverbrauch in beiden Gruppen signifikant höher. War keine Raumstrahlung im Spiel, sank der Verbrauch drastisch. Damit war bewiesen, dass die Handlung unbewusst erfolgt und mit den äußeren Bedingungen in Reiseflughöhe zusammenhängt.
Damit ist die Welt zwar um eine Erkenntnis reicher, aber deswegen sind wir alle noch nicht gesünder. Was diese Versuche jedoch unterstreichen, ist die Erkenntnis, dass wir einfach versuchen sollten, öfters auf unseren Körper zu hören und ihm das zu geben, was er verlangt. Das müssen wir zuweilen aber erst wieder lernen, denn anstatt zu Gemüse greifen wir dann doch lieber zu Pizza & Co. Es lohnt sich also mal wieder genauer ‚hinzuhören‘, was für eine Bestellung der Körper wieder mal aufgibt.
Text Copyright: Marc Weise